Wissensmanagement

Die Reifephase nach dem Hype - Tools für moderne Informationsarbeit - epistemologische Grundlegung für die Informationswissenschaften.

Einen guten Überblick über das Themengebiet bietet die Seite der Wikipedia (stand Sept. 2009). Dort wird dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass das Wissensmanagement gewisse Entwicklungen mitgemacht hat und der immer noch weit verbreitete Ansatz von Probst et al. nicht mehr ganz State of the Art ist. Darauf wies auch schon Rainer Kuhlen in einem Beitrag zu meinem Reader:
  • Kuhlen, Rainer (2004): Change of Paradigm in Knowledge Management - Framework For The Collaborative Production and Exchange of Knowledge. In: Hobohm, Hans-Christoph (Hg.): Knowledge Management. Libraries and Librarians Taking Up the Challenge. München: Saur (IFLA Publications; 108), S. 21–38.

Im gleichen Sammelband hatte ich auch die Gelegenheit, den für mich "schlagkräftigsten" Text der Urväter des Knowledge Management als Reprint beizufügen (ein Lektüre-Muss):
  • Davenport, Thomas H.; Prusak, Lawrence (2004): "Blow Up the Corporate Library". In: Hobohm, Hans-Christoph (Hg.): Knowledge Management. Libraries and Librarians Taking up the Challenge. München: Saur (IFLA Publications; 108), S. 11–19.

Hype?


WM-hype-kurve-FHG-Gartner-2004.JPG
Quelle: Wissen und Information 2005. Fraunhofer Wissensmanagement Community. Stuttgart 2005, S. 11

Entsprechend der Gartner Hype Kurve gab es eine Phase, in der zum Thema Wissensmanagement große Euphorie ausgebrochen war (ca. Mitte der 90er Jahre). Zu diesem Zeitpunkt wurden vor allem in Wirtschaft und Management viele Erwartungen an das neue Modewort geknüpft, die sich mangels Erfahrungen mit dem Modell nicht bewahrheiteten. Es kam ein Tal der Enttäuschungen, welches wir gerade überwunden haben und nun auf Rentabilitätsniveau zusteuern.

Eine Analyse des Publikationsaufkommens zeigt ein nicht nachlassendes Interesse an diesem Forschungsgebiet:

WM-Publikationsaufkommen.JPG
Quelle: eigene Analyse in der Datenbank INFODATA im Jahre 2007 (letzte Jahre zeigen hier vor allem den Aktualitätsverzug der Datenbank)

Inhaltlich ist das Thema zunehmend eher dem Management und der Informationswissenschaft (LIS) als der Informationstechnik zugeordnet:

WM-Publikationsaufkommen_und_Anteile.JPG
Quelle: eigene Analyse im "Social Science Citation Index" im Jahre 2007: "Knowledge Management" im Titel verteilt auf die SSCI Kategorien/Cluster "Management", "Library and Information Science" (LIS) und "Information Systems"

Die Akzeptanz des Themengebietes gerade im LIS-Bereich weist zugleich auf ein Paradox, nämlich auf die Tatsache, dass es sich um einen Kern der Informationswissenschaften handelt, der gar nicht von außen "als Mode" aufgenommen werden kann. Management Gurus missbrauchen den Term häufig für einen neue Sicht auf "Management" an sich. Darauf weist sehr treffend Tom Wilson schon früh in einem Citation classic:
Wilson, T. D. (2002): The nonsense of 'knowledge management'. In: Information Research, Jg. 8, H. 1. Online verfügbar unter http://InformationR.net/ir/8-1/paper144.html.
Darauf antwortet Christian Schlögl in derselben Zeitschrift sehr fundiert:
Schlögl, Christian (2005): Information and knowledge management: dimensions and approaches. In: Information Research, Jg. 10, H. 4 paper 235. http://informationr.net/ir/10-4/paper235.html

Zentrale Texte für mich sind:

  • Davenport, Thomas H.; Prusak, Lawrence (1998): Working Knowledge. Boston, MA: Harvard Business School Press.
  • Nonaka, Ikujiro; Takeuchi, H. (1995): The Knowledge Creating Company. Oxford: University Press.
  • Lucko, Sandra; Trauner, Bettina (2002): Wissensmanagement. 7 Bausteine für die Umsetzung in der Praxis. München: Hanser (Pocket-Power, 32). [ein praktischer Überblick]

und vor allem:
  • Brown, John Seely; Duguid, Paul (2000): The Social Life of Information. Boston: Harvard Business School Press.

Texte zu Einzelaspekten

  • Gust von Loh, Sonja: Wissensmanagement und Informationsbedarfsanalyse in kleinen und mittleren Unternehmen. In: Information - Wissenschaft und Praxis, 59 (2008), 118-126 (Teil 1) und 127-136 (Teil 2).
  • Kurtz, C.F.; D. J. Snowden, D.J. (2003): "The new dynamics of strategy: Sense-making in a complex and complicated world" in: IBM Systems Journal, Vol. 42,3, S. 462. (vgl.: http://mrl.nyu.edu/~robbins/Papers/kurtz.pdf)
  • Martin, Bill (2008): Knowledge Management. In: Cronin, Blaise (Hg.): Annual Review of Information Science and Technology. Medford, NJ: Information Today (42), S. 371–424.
  • Meyer, Bertolt (2003): Der Paradigmenwechsel im Wissensmanagement: Wissensmanagement(systeme) über drei Generationen. Diskussionspapier des Lehrstuhls Organisations- und Sozialpsychologie, Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin.
  • Nonaka, Ikujiro; Konno, Noboru (1998): The Concept of "ba": Buildung a Foundation of Knowledge Creation. In: California Management Review, Jg. 40, H. 3, S. 40–54.
  • Peschl, Markus F. (2007): Enabling Spaces - epistemologische Grundlagen der Ermöglichung von Innovation und knowledge creation. In: Gronau, Norbert (Hg.): 4. Konferenz Professionelles Wissensmanagement. Erfahrungen und Visionen. Berlin: GITO-Verl. (4. Konferenz Professionelles Wissensmanagement, Bd. 1), S. 363–371.
  • Reinmann-Rothmeier, Gabi (Januar 2001): Wissen managen: Das Münchener Modell. (Forschungsbericht Nr. 131). München: Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie, Internet, ISSN 1614-6336

John Seely Brown und Paul Duguid wiesen darauf hin, dass Information sozial ist. Die Versuche, es zu explizieren, d.h. die normalerweise 80% impliziten Wissens explizit zu machen (z.B. in Datenbanken) kommen damit nur auf die Spitze des Eisbergs. Es kommt im Wissensmanagement vor allem darauf an, "verkrustete" Strukturen des Wissensbesitzes (Wissen ist Macht) aufzuweichen und wieder "ins Gespräch" zu bringen. Hilfreich ist dabei die Metapher des "Münchner Modells" von Gabi Reinmann-Rothmann (2001):
wissenverflüssigen-reinmann-rothmann-2001.JPG
Wissen hat also vorwiegend mit Praxis, Alltag und Erfahrung und damit auch eher mit Kompetenz zu tun. Insofern hat Wilson recht, wenn er sagt, dass das etwas ist, das "klassisches Management" im Grunde schon immer macht. Zentraler Punkt mit Brown/Duguid aber auch mit Nonaka ist dabei, dass die "Verflüssigung" nur im direkten menschlichen Kontakt an einem bestimmten (eher analogen, d.h. physischen) Ort und zu einer bestimmten Gelegenheit (jap.: "ba") funktionieren kann. Der Waliser David Snowden hat daraus eine Management-Schulungsmethode entwickelt, die ebenfalls auf den Ort der Wissensarbeit und die reale Begegnung zwischen Personen hinweist: Cynefin (walisisch für Ort, Wohnraum). Dies war für mich ein Auslöser auch aus informationswissenschaftlicher Sicht wieder mehr den Ort der Bibliothek in den Blick zu nehmen. Aber auch Michel de Certeaus Alltagshandeln und viele neuere Diskussionen um (schlüssel-)Kompetenzen lassen sich hiermit gut verbinden. Womit sich dann doch auch wieder wichtige Arbeitsfelder für die Informationswissenschaften ergeben.
cynefin-1.JPG cynefin-2.JPG
Das Cynefin Modell (Kurtz/Snowden 2003) P=probe; S=sense; R=respond; A=act/analyse; C=categorize

Ähnlich wie bei dem "Being There" von Andy Clark sind wir auf quasi phänomenologische Urzustände zurückgeworfen: wir sind in multiple Erfahrung eingebettet und von diesen stark beeinflusst, entweder durch direktes eigenes Erleben oder durch collective experience: wir sind in Geschichten verstrickt (W.Schapp) und in Musik und Bilder.
Eine Bearbeitung dieses "Wissens" und Kompetenz-"Chaos" geht nur vom Strukturierten zum Unstrukturierten und wieder zurück (wie bei Reinmann-Rothmann). Wichtige Punkte der Methode dabei sind: "Kontextualisierung", "das Narrative" (auch Nonaka; Weinberger), "Changemanagement" (kontinuierliche Veränderung = lernende Organisation). Geisteswissenschaftlich lässt sich dann der Bogen gut spannen zu Michael Bachtin, Paul Ricoeur, Emanuel Levinas und anderen Klassikern aus verschiedensten Gebieten. Ist damit das Thema dann doch zu breit? Ist WM also "nonsense" weil es an Fragen nach dem "Sinn des Lebens" und den Grundbedingungen der menschlichen Kommunikation ankommt? Ja und nein: nur die kenntnis dieser prozesse ermöglicht uns "sinnvolles" (effektives) Informationshandeln als Information professionals. Im Bereich der Kommunikationswissenschaft ist dies schon länger bekannt und wird vertreten von Brenda Dervin und ihrer "sense making theory". Demnach sind wir doch im Kern der Informationswissenschaften.

weitere Literatur:


  • Scholl, W., König, C., Meyer, B. & Heisig, P. (2004). The future of knowledge management. An international Delphi study. Journal of Knowledge Management, 8, 19-35.
  • Schuster, Alexander (2009): Wissensbilanzen. Ein strategisches Managementinstrument - auch für Bibliotheken. Berlin: BibSpider.
  • Zboralski, Katja (2007): Wissensmanagement durch Communities of Practice. Eine empirische Untersuchung von Wissensnetzwerken. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag | GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden.
  • Megill, Kenneth A. (2004): Thinking for a living. The coming age of knowledge work. München: K.G. Saur. (fundierter, recht kurzer und lesbarer Text zu den 'philosophischen' Grundlagen des aktuellen Wissensmanagements von einem Unternehmensberater)